14.03.2019

Offener Brief an Bundeskanzlerin Merkel zur Klimaschutzpolitik

Offener Brief zu Klimawandel und Klima­schutz­politik von Peter Kranz, Vor­sitzen­der des Öku­meni­schen Zentrums für Umwelt-, Friedens- und Eine-Welt-Arbeit e.V., an Bundes­kanzlerin Dr. Angela Merkel

Bundeskanzlerin
Dr. Angela Merkel
Bundeskanzleramt
Willy-Brandt-Str. 1
10557 Berlin

12. März 2019

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel,

ich habe drei Enkelkinder. In 60 Jahren werden sie so alt sein wie ich heute. Und wir werden ihnen ein Klima hinter­lassen, das an der Grenze des Zumut­baren liegen wird.

Seit fast 30 Jahren beschäftige ich mich mit der Klima­proble­matik und habe mich als Spandauer Umwelt­pfarrer schon Anfang der 90-er Jahre für eine kirch­liche Solar­wende ein­gesetzt. Obwohl Sie als Physi­kerin mit der Thematik des Klima­wandels vertraut sind, habe ich mich oft über Ihre zag­hafte Klima­schutz­politik geärgert.

Mit der Quasi-Abschaffung des Erneuer­bare-Ener­gien-Ge­setzes 2017 (Deckelung des Ausbaus der Erneuer­baren Ener­gien, Abschaf­fung der Einspeise­vergütung zu­gunsten von Aus­schreibungs­verfahren, die die großen Energie­konzerne bevor­zugen, Ver­teuerung der Erneuer­baren) haben Sie die Energie­wende schließ­lich begraben und sich vom Pariser Klima­gipfel verab­schiedet. Als ver­spätete Reaktion darauf ist eine Jugend-Klima­bewegung im Ent­stehen. Darauf können wir Älteren stolz sein.

Die neuen Erkenntnisse der Klima­wissen­schaftler sind alar­mierend. Der Klima­wandel beschleu­nigt sich drama­tisch.

Wie der Klimawandel auch bei uns wirken kann, haben wir 2018 erlebt. Es war das wärmste und trocken­ste Jahr seit Beginn der Wetter­aufzeich­nungen: Dürre von April bis Dezem­ber. Die Klima­erwärmung lag 2018 bei uns bei 2,2°C. In Berlin gab es in den Winter­monaten Dezem­ber 2018 bis März 2019 keinen Winter – das erste Mal seit Tausen­den von Jahren! „Opa, was ist ein Schnee­mann?“ kann man auf Schüler*innen­plakaten lesen.

Namhafte Klimawissenschaftler sehen uns auf dem Weg zu einer Heiß­zeit.

Von den 12 Kipppunkten des welt­weiten Klima­systems sind vier schon gekippt, d.h. sie sind nicht mehr rück­gängig zu machen:

  1. Das arktische Meereis geht verloren, es schwin­det schneller, als bisher vermutet, und ver­ändert den sog. Jet­stream, die zentra­len Luft­bewegungen der Nord­halbkugel.
  2. Die Eisschmelze auf Grönland hat sich in den ver­gangenen 10 Jahren vervier­facht. Das ins Meer gelangen­de Süß­wasser ver­ändert den Salz­gehalt des Wassers zwi­schen Grön­land und Spitz­bergen. Das beein­flusst den Golf­strom, dessen Fließ­geschwindig­keit sich dramatisch ver­ringert. Der Salz­gehalt ist der Motor des Golf­stroms.
  3. Die nördlichen Perma­frost­böden tauen mit größerer Geschwin­digkeit auf, als bisher prog­nosti­ziert, geben Un­mengen von Methan in die Atmo­sphäre und beschleu­nigen damit den Klima­wandel, weil Methan 25 mal klima­schäd­licher ist als CO2.
  4. Vor allem der West­antark­tische Meer­eis­schild, der über­wiegend auf dem Wasser liegt, taut drama­tisch. Der Eis­verlust der Ant­arktis hat sich versechs­facht. Der Thwaites-Glet­scher, der größte Gletscher der West­antarktis, wird in weni­gen Jahren kollabie­ren. Ein riesiger Hohl­raum (10 km lang, 4 km breit und 350 m hoch) ist ent­deckt worden. Wenn der Gletscher weg­taut bzw. weg­rutscht, wird der Meeres­spiegel um 65 cm an­steigen. Aber auch der Ost­antarkti­sche Eis­schild, von dem man bisher annahm, dass er stabil bleibt, schmilzt bedenk­lich.

Für die Rettung der Alpen­gletscher ist es zu spät, sagt der Schweizer Glazio­loge Matthias Huss. (Die Story im Ersten vom 22.01.2019: Alpendämmerung – Europa ohne Gletscher)

Das Ober­flächen­wasser der Welt­meere hat sich um durch­schnitt­lich 0,7°C erwärmt. Auch das ist nicht mehr rück­gängig zu machen. Die von den Meeren in den ver­gange­nen 150 Jahren auf­genom­mene Wärme ent­spricht dem 1000-fachen des jähr­lichen welt­weiten Energie­verbrauchs (Laure Zanna, Uni­ver­sität Oxford). Je mehr sich die Meere er­wärmen, desto weniger CO2 können sie speichern, weil wärmeres Wasser die Speicher­kapazität verringert.

Durch die nicht mehr aufzu­haltende Erwär­mung der Meere tauen die Methan­hydrate (5) an den Kontinental­kanten unauf­haltsam ab.

Gefährdet ist die Atlantische Zirku­lation (6). Die Fließ­geschwindig­keit des Golf­stroms hat sich um 15% verlangsamt.

Nach Berechnungen des MCC-Klima­instituts Berlin können wir noch etwa 420 Giga­tonnen CO2 in die Atmo­sphäre abgeben, um eine Er­wärmung um 1,5°C noch zu schaffen. Da wir pro Jahr über 42 Gigatonnen abgeben, ist unser Budget in 9-10 Jahren auf­gebraucht. (So schnell tickt die CO2-Uhr – Artikel auf der Website des MCC) Hans-Joachim Schelln­huber vom Pots­dam-Insti­tut für Klima­folgen­forschung hat vor kurzem gesagt: „Wir steuern momen­tan auf eine Klima­erwärmung zwischen 4 und 6 Grad Celsius zu.“ Das wäre nicht mehr zu bewäl­tigen. (Auf dem Weg in die Heißzeit? – Artikel auf der Website des PIK)

Angesichts dieser enormen Beschleu­nigung des Klima­wandels war die UN-Klima­konferenz in Kato­wice/Katto­witz(COP 24) vom 3.-15.12.2018 ein dürf­tiges Ereig­nis. Das Inter­essan­teste war der Auf­tritt der damals 15-jäh­rigen schwe­dischen Klima­aktivistin Greta Thun­berg auf dem Klima­gipfel: „Solange ihr euch nicht darauf kon­zen­triert, was zu tun not­wendig ist, sondern nur darauf, was poli­tisch mög­lich ist, gibt es keine Hoffnung. (…) Euch gehen die Ent­schuldi­gungen aus, und uns läuft die Zeit davon. Wir sind her­gekom­men, um euch mit­zuteilen, dass der Wandel kommt, ob ihr wollt oder nicht. Die wirk­liche Macht gehört den Menschen.“ Greta Thun­berg hat die welt­weite Schüler*in­nen-Klima­bewegung „FridaysforFuture“ angeregt.

Die von manchen gepriesenen Kom­pro­misse der Kohle­kommission werden der Dringlich­keit des Problems nicht gerecht. Das letzte Kohle­kraft­werk soll erst 2038 vom Netz. Der Kurs gegen die Erneuer­baren hat sich nicht geändert. Der Ersatz für Kohle soll für viele Jahre das fossile Erd­gas sein und erst in weiter Ferne die Erneuer­baren. Wir müssen mit öffent­lichem Druck eine weit frü­here Ab­schaltung der Braun­kohle­kraft­werke bis 2025 erreichen. „Ein lang­samer Kohle­ausstieg wider­spricht ein­deutig den Warnun­gen der Klima­wissen­schaftler,“ schreibt der Solar­energie-Förder­verein (SFV).

Wir unterstützen die Verfassungs­beschwerde des Bünd­nisses „Klima­klage“, weil „die Bundes­regierung u.a. das Grund­recht auf Leben und körper­liche Unversehrt­heit, auf Schutz des Eigen­tums und das Grund­recht auf ein ökolo­gisches Existenz­minimum verletzt.“ Im Bündnis „Klima­klage“ sind der Solar­energie-Förder­verein Deutsch­land e.V. (SFV), der Bund für Umwelt und Natur­schutz Deutsch­land e.V. (BUND) sowie viele ein­zelne Per­sonen wie der Berliner Prof. Dr. Quasch­ning, Prof. Dr. Kray und der Schau­spieler Hannes Jaenicke ver­treten.

Sehr geehrte Frau Bundes­kanzlerin, Sie werden Ihrer Auf­gabe, das deutsche Volk vor Schaden zu bewah­ren nicht gerecht. Lange ist es her, dass Sie als „Klima­kanzlerin“ gelobt wurden. Nun werden Sie als Lobby­istin der Kohle­industrie und der großen Energie­versorger in die Geschichts­bücher ein­gehen, mit­verant­wortlich für das Ver­sa­gen der Politik. Ob Sie noch den Mut auf­bringen können umzu­steuern, wie Sie es – zwar viel zu spät, aber immer­hin – zur Atom­industrie getan haben?

Hochachtungsvoll

Peter Kranz
Vorsitzender des Öku­meni­schen Zen­trums für Umwelt-, Friedens- und Eine-Welt-Arbeit e.V.
Das Ökumenisches Zentrum ist Mitglied von Klima-Allianz und Forum Ziviler Friedens­dienst

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